Schrebergarten oder Kleingarten? Eine Begriffsgeschichte mit Wurzeln

Veröffentlicht: 4. August 2026

Zwei Begriffe, ein Beet und trotzdem nicht dasselbe. Im Alltag werden “Schrebergarten” und “Kleingarten” meist synonym verwendet. Wer genau hinschaut, entdeckt jedoch einen feinen, historisch wie rechtlich begründeten Unterschied. Ein Blick zurück auf über 150 Jahre Kleingartengeschichte zeigt, wie aus einer pädagogischen Idee eine der wichtigsten sozialen und städtebaulichen Institutionen unserer Städte wurde.

Ein Name, zwei Bedeutungen

Namensgeber des Schrebergartens war der Leipziger Arzt Moritz Schreber. Bei seiner ursprünglichen Idee ging es ihm jedoch nicht um den Anbau von Obst und Gemüse, sondern um einen Freizeitgarten, in dem Kinder spielen und sich austoben konnten.

Was heute im Sprachgebrauch als Schrebergarten bezeichnet wird, ist in den meisten Fällen ein Kleingarten: eine Parzelle, organisiert in Vereinen und Anlagen, die dem Anbau von eigenem Obst und Gemüse dient. Das ist nicht nur gelebte Praxis, sondern auch gesetzlich geregelt. Laut Bundeskleingartengesetz ist eine ausschließliche Nutzung zur Freizeitgestaltung nicht vorgesehen. Der Anbau von Gartenbauerzeugnissen ist rechtlich vorgeschrieben.

Von den Armengärten zur Kleingartenbewegung

Das Kleingartenwesen blickt auf eine über 150-jährige Tradition zurück. Vorläufer der heutigen Kleingärten waren die sogenannten “Armengärten” des 19. Jahrhunderts. Sie sollten Bedürftige in die Lage versetzen, ihren Bedarf an Gartenfrüchten selbst zu decken, statt auf finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein.

Eine zweite Wurzel der Bewegung geht auf die Ideen des Leipziger Arztes Dr. Schreber zurück, dem es aus volkspädagogischen Gründen um körperliche Ertüchtigung und die Heranführung der Kinder an die Natur ging. Der Schuldirektor Dr. Hauschild griff diesen Gedanken auf und gründete einen Eltern- und Lehrerverein, den “Schreberverein”.

Die gärtnerische Komponente gewann erst in der weiteren Entwicklung an Bedeutung – angeregt durch den Lehrer Gesell, der sogenannte “Kinderbeete” anlegen ließ. Daraus entwickelten sich die ersten Familiengärten. Später folgten die Arbeitergärten des Roten Kreuzes, die insbesondere auf gesundheitspolitische Überlegungen zurückzuführen sind.

Kleingärten in Krisenzeiten: Das Beispiel Berlin

Als die Berliner Kleingartenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts ihre erste Blüte erlebte, befand sich Berlin auf dem Weg zur führenden Industriemetropole. Das brachte erhebliche soziale Veränderungen mit sich: Die Bevölkerung wuchs rasant, überbelegte Mietskasernen, dunkle Hinterhöfe und wenig Grün prägten das Stadtbild. In dieser Zeit begannen vor allem Arbeiterfamilien, auf ungenutzten Flächen kleine Gärten anzulegen, um sich selbst zu versorgen und sich ein Stück Natur zu bewahren – ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Armut und Wohnungsnot.

Die Bedeutung der Parzellen zeigte sich besonders in Krisenzeiten. Während des Ersten Weltkriegs und der anschließenden Weltwirtschaftskrise erlangten Kleingärten vor allem für die Ernährung der städtischen Bevölkerung große Bedeutung – ihre existenzsichernde Funktion trat in den Vordergrund. Auf dem Höhepunkt dieser Krise, im Jahr 1931, ordnete der Reichspräsident per Verordnung die Bereitstellung von Kleingärten für Erwerbslose an. Gleichzeitig erhielten die Gemeinden zusätzliche Mittel für die Beschaffung von Kleingartenanlagen.

Die älteste Dauerkleingartenanlage Berlins und eine der ältesten in ganz Deutschland, ist die Kleingartenanlage Rehberge. Sie entstand als Bestandteil des gleichnamigen Volksparks; die ersten Parzellen wurden 1929 verpachtet.

Vom Nahrungsmittel zum vielschichtigen Lebensraum

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dienten Kleingärten nicht nur der Deckung des Nahrungsbedarfs, sondern auch dem dauerhaften Wohnen. Im Laufe der Zeit hat sich die Funktion der Kleingärten gewandelt: Zum wirtschaftlichen Nutzen des Obst- und Gemüseanbaus traten zunehmend der biologische Anbau, die Freizeit- und Erholungsnutzung, die naturnahe Gartengestaltung sowie die städtebauliche Funktion im Rahmen der Grün- und Freiflächenplanung hinzu.

Grüne Infrastruktur für die Stadt von heute

Gegenwärtig vollzieht sich ein erneuter Wandel. Das Gärtnern selbst sowie ökologische und soziale Belange rücken wieder verstärkt in den Vordergrund. Die Kleingartenanlagen öffnen sich zunehmend für die Bevölkerung und bieten dadurch auch Anwohnern und Besuchern Erholungsmöglichkeiten.

Als grüne Lungen leisten Kleingärten als Teil der grünen Infrastruktur einen wesentlichen Beitrag zur Klimaresilienz und zur Biodiversität und damit zur Entwicklung von Stadtnatur, gerade in den verdichteten Stadtstrukturen unserer Zeit.